Editorial

 

Liebe Freunde, Kollegen, Medienschaffende,

immer unterwegs. Mit'm Rad. Mit'm Bus. Mit'm Zug. Womit auch immer. Lassen uns transportieren. Transportieren Dinge. Lassen Dinge an uns vorbeiziehen. Menschen. Städte. Kuriositäten. Hin und Her. Von A nach B. Rollen und Schieben uns durch's Leben.

So wie die Künstler und Autoren dieser Ausgabe, die mit diversen Transportmitteln durch die Gegend fahren, sie optisch festhalten oder in ihnen festsitzen...

Die neue Escapade ist abenteuerlich unterwegs mit Reisebuchautor Achim Wigand, den Projekte in slawische Gefilde treiben. Sie beobachtet mit der Künstlerin Charlotte Kons einen getriebenen Bauern bei seinen unendlichen Fahrten. Sie lässt die Malerin Marka Paoli ein Zwei Rad in Farben treiben sowie die Fotografin Sonja Allgaier Busse in Spiegelungen verfolgen...

Denn Gott hat Räder.

Eure
Silke Vogten und Flora Jörgens

Collage: Charlotte Kons

Transport - Wackelige Runden

Bauer Paul

"Mit mir haben die in Sibirien Sachen gemacht...Kind, immer wieder...mhhh...viele waren es...mhhh...manchmal sechs mal am Tag, da weiß ich nicht mehr, ob ich Fisch oder Fleisch bin".

Jetzt - fast 89 Jahre alt - fährt Bauer Paul mit seinem alten klapprigen Fahrrad und seiner immerblauen Weste, mit grüner Schirmmütze ,selbstreinigender Stoffhose in undefinierbarer Farbe und einem niezuwechselnwollenden Kartoffelsack auf dem Gepäckträger nur noch im Dorf den immergleichen Weg.

Eine verzweigte und kleingassige Runde - Tag um Tag, Stunde um Stunde.

Vergessen, daß er ihn schon vormittags viermal genommen hat um seine Kartoffeln zu verteilen.

"Früher....ja früher...da hab ich noch die Kartoffeln auf dem Wochenmarkt verkauft und ins Haus gebracht. Da waren die Damen noch im dünnen Etwas angezogen, wenn die wussten, daß ich kam...aber... mhhh....- weißt du, Kind,... da hab ich mich nicht mehr für interessiert. Wir haben uns damals die Hosentaschen aufgeschnitten und zu den Kindern gesagt: greif mal in meine Tasche, ich hab da ein Bonbon.....die haben aber geguckt!.....mhhhh, meine Liebste, die hat mich nach der Rückkehr nicht mehr erkannt...ich sie auch nicht....liebes Ding!"

Das erzählte dieser Mann noch vor 15 Jahren, mit verschmitztem, aber undurchsichtigem Lächeln im faltenumsponnenen Gesicht und kleinem, redeflußunterbrechendem Gekicher auf seinem Rad in Richtung Stadt fahrend mit einem Kartoffelsack auf dem Gepäckträger.

Und er fährt seine wacklige Runde weiter - heute.
Reden ist Zeitverschwendung.
Über das Früher will er nicht mehr reden.
Es gibt nur noch jetzt und diesen Weg - mit den Kartoffeln.
So muss es sein; Tag für Tag und Bauer Paul nimmt seine Aufgabe ernst.
Grüßt auch nicht mehr, keine Zeit.
Der Weg zählt und jedes Ankommen gibt ihm den Grund der neuen Runde -
Kartoffeln müssen verteilt werden.

Charlotte Kons

Charlotte Kons, bildende Künstlerin Fotografin und Autorin, lebt in Neuss. Vom 18. bis 28. August ist sie unter dem Motto "nachRuf"mit Werken bei der "Sommerstaffel" im BBK Kunstforum Düsseldorf zu sehen. Mehr von ihr unter www.charlottekons.de

Foto: Sonja Allgaier

Die Fotografin Sonja Allgaier, Jahrgang 1978, lebt und arbeitet in München. Sie verbrachte einige Zeit in Buenos Aires, ist heute mit ihren Fotografien bundesweit in Ausstelllungen zu sehen. Portfolio unter www.sonjaallgaier.com

Transport - Zuckelnd durch Europa

Mit'm Bus

Hat ja mittlerweile jeder Reiseteilredakteur mal gemacht: Mit dem Bus in ein osteuropäisches Land gefahren, an Bord eines dieser Luxusliners oder Liners oder antiquierten Multipersonentransporters oder gelegentlich auch einfach vielsitzplätzigen Schrotthaufens, die auf myrmidonenhaften Pfaden jeden Tag Europa durchzuckeln.

Und immer sind sie begeistert, die First-Class-verwöhnten Edeltouristen im Auftrag von FAZSZZEIT, entzückt von der urtümlichen Herzlichkeit auf den schier ewigen Wegen durch die asiatische Steppe (nein, keine westeuropäische Arroganz, sondern ein Zitat von Adenauer).

Denn die Busfrachten bestehen fast ausschließlich aus in EU-Ländern mehr oder minder legal Beschäftigten auf dem Weg in ihre Heimatländer an Sava, Don oder irgendwo an der so endlos langen wie garantiert nicht blauen Donau. Und ja, da muss natürlich viel tiefe slawische Herzlichkeit unterwegs sein. Finden die Kollegen, wenn ich mir das einmal anmaßen darf.

Zeit für ein bisschen myth busting, Romantiksprengung, knallharte Erst-Hand-Recherche. Ich mache so etwas nämlich ziemlich regelmäßig, denn ich habe Freunde in Belgrad, die ich gar nicht einmal so selten besuche und jetzt bin ich einmal mehr auf dem Weg - ich werde nämlich Gründungsmitglied der ersten "Tafel" nach dem Modell der in vielen deutschen Städten mittlerweile etablierten Lebensmittelverteiler im südosteuropäischen Raum. Über diese löbliche Initiative demnächst einmal mehr (natürlich samt Spendenaufruf und so), erst einmal muss ich also hin, um in muffigen Amtsstuben irgendwelche rätselhaften kyrillischen Vordrucke zu unterzeichnen.

Der Zug ist lachhaft teuer und langsam (die Speisewagen auf dem Abschnitt durch Slowenien allerdings schlicht der Hit!), Auto habe ich schon lange mehr keins und meine motorisierten Zweiräder motten in diversen Garagen des Bundesgebiets vor sich hin. Egal, eh zu kalt.

Also auf in den ZOB, dieses kürzlich neben dem Münchner Hauptbahnhof gelandeten Klopses im Ju-52-Look. Da gibt es die billigsten Tickets in alle Welt - solange diese Welt östlich oder südöstlich der Grenzen der europäischen Union liegt. Schlappe 97 € in die serbische Hauptstadt, retour, versteht sich. Im Imre Kalman, dem täglichen Nachtzug mit Kurswagen nach Belgrad dürfte ich dafür grade einmal eine Zigarette rauchen (boah geil! Hinter Jesenice darf man tatsächlich noch qualmen. Oder zumindest stört's keinen), hin und zurück xxx €, badong, für hart am Rand der Pauperisierung vorbei schrammende Reisebuchschreiber (bestimmt auch bald ein Spendenaufruf - der tägliche Meeresfrüchtekorb wird immer schwieriger zu finanzieren) eindeutig zu viel.

Dafür liefert der ZOB (wer so etwas in seiner Heimatstadt nicht hat: Zentraler Omnibus Bahnhof) mitten in München schon ordentlich Balkanatmosphäre; der Rollkoffer - der Hackenporsche der verbiesterten Hosenanzugkarrieristin - wird hier ersetzt durch die obskur karierten Riesentüten aus mutmaßlich schwer karzinogenem Kunstfasergewebe. Alle slawischen Sprachen und Dialekte weben an einem wirren Geräuschteppich, und ja, es riecht doch kräftig nach Knoblauch. Und dann kommt auch irgendwann (Pünktlich? Na ja, die Neigungsgruppe Fahrplan nimmt wohl nicht jeden) der Bus.

Losgefahren ist er in Dortmund, also schon eine Weile unterwegs, und die Stimmung an Bord schwappt wohl nicht ins Euphorische. Kein Wunder, schließlich liegen noch 15 Stunden Blechröhre vor den Insassen. Die für eine Zigarettenpause herausströmenden (hättet ihr halt den Zug genommen) sind offensichtlich schwer im Nikotindefizit, aber den kantig ausgefahrenen Ellenbogen habe ich schnell wieder aus meinem Rippenbogen entfernt.

Drinnen verscheuche ich das ausgesprochen maulige Großmütterchen von meiner Platzreservierung, zur Strafe hinterlässt sie mir eine fast flandrisch (1917) zerbombte Sitzfläche mit Kuchen-, Schokoladen- und Börek-Einschlägen. Ich tröste mich, was sind schon 15 Stunden, mit ehrfürchtigem Schauern habe ich am Abfahrtsterminal die Fahrzeit nach St. Petersburg zur Kenntnis genommen: 42,5 Stunden - wenn an der Grenze zum weißrussischen Schnauzbartdespoten ordentlich geschmiert wird.

Wir immerhin fahren jetzt endlich, das merkt man vor allem an der schlagartig einsetzenden Musik aus den Buslautsprechern, die offensichtlich mäßig synchronisiert zu den üppigen Damen auf den Bordbildschirmen gehört: Turbofolk, das allfällige Balkangedudel mit schwer-chauvinistischer Tendenz in den wenigen Textzeilen. Später gibt es dann noch eine populäre Filmkomödie aus serbischer Produktion, in der sich möglicherweise stark angetrunkene Familienväter in Fleckentarnungsklamotten in Schlammlöcher fallen lassen und wenn's ganz hart kommt noch ein Partisanenfilm. Ich übe schon einmal meinen Einsatz: An den richtigen Stellen "Achtung!", "Partisanenschweinescheiße!" und "Herr Leutnant!" brüllen kommt bei den serbischen Mitfahrern immer gut an.

Ich freue mich auf eine vergnügliche Nacht in mehreren europäischen Ländern.

Achim Wigand

Der Münchener Autor Achim Wigand, Jahrgang 1968, scheut wirklich keine Tortour für seine Reisführer... Mehr von ihm unter www.michael-mueller-verlag.de

Bild: Marka Paoli

Marka Paoli lebt heute nach Jahren in New York und Brüssel als Malerin in Herrsching am Ammersee und zeigt kraftvolle Bilderzyklen. Sie ist als Übersetzerin unterwegs gewesen und hat in diversen Kunstschulen zwischen Podmoskowje, Salzburg und München gelernt. Das Fahrrad ist für Sie ein Symbol für Zweisamkeit...

Transport - Lautlos weiter

S-Bahn

Durch den späten Abend
fahre ich zu Dir in einen
orangefarbenen
Waggon getaucht
Die Menschen schweigen hier
und ein leises Räuspern und das
Rascheln von Papier zieht einsam
durch die hellen Gänge

Im Spiegel der nachtdunklen Scheibe
sehe ich mein Gesicht und die,
die mich beobachten.
Erstarrt klebt mein eigener Blick
am Glas und meidet
sich hier umzusehen

Später bei dir sitzen wir
uns gegenüber
Sanft verschoben und entfernt wie
Reisegäste beim Transport
Verstohlen die Blicke auch hier
und keiner von uns beiden spricht
ein Wort
So fahre ich lautlos in Gedanken weiter

Silke Vogten

Bild: Silke Vogten