Editorial

 

Liebe Kollegen, Medienschaffende, Freunde

aufgrund Eurer Nachfrage planen wir, die »Tradition« des 'on the road'-Abends fortzusetzen und einmal im Jahr exklusiv zu einer Lesung einzuladen, die mehr bieten wird als Textevortragen: Literatur trifft Kunst trifft Euch - wir nennen den Austausch der kreativen Kräfte hier einmal Sixties-geprägt »Happening«.

Und das wollen wir dann sogar mit einem extra für diesen Tag gedruckten Heft unsterblich in Euren Seelen verankern. Veröffentlichen möchten wir darin alles zum Thema »Escapade« - in Anlehnung an die Unterzeile eines Hochglanz-Männermagazins: »Alles, was UNS Spaß macht«. Gerne nehmen wir auch Eure Vorschläge und Anregungen entgegen.

Zweimal im Monat möchten wir Euch mit »Escapade belles-lettres« erfreuen: einem kleinen Wochenend-Praliné mit Geschichten, Gedichten, Reportagen, Glossen, Essays, Fotos, Collagen, Zeichnungen, Bildern, mp3-files. Voller sublimer, hauchzarter, unverblümter oder deftiger Eskapaden.

Diese Ausgabe behandelt passend zur ersten Veröffentlichung »das erste Mal« - und zwar aus Männer-Sicht.

Stefan Wimmer, dessen Ausschnitt aus dem Buch "Der König von Mexiko" schon so viele beim 'on the road'-Abend begeisterte, hat exklusiv für "Escapade" in seinen Texten nach dem Treffenden gesucht. Gefunden hat er, was heißen könnte "Das erste Mal mit einer Kommilitonin, die ich schon Jahre kannte" und nachzulesen ist in seinem Episodenroman "Die 120 Tage von Tulúm" (Eichborn-Verlag). Unser Dank geht an Autor und Verlag.

Klaus Eberhartinger, Sänger der "Ersten Allgemeinen Verunsicherung" hat zugestimmt, ein Gespräch, das ursprünglich für WDR 4 geführt wurde, als Zusammenschnitt zu präsentieren. Wir empfehlen: diesen Text besser NICHT lesen, sondern das angehängte mp3-file Hören! "Das erste Mal in Frankreich" denken wir uns als Titel. Danke, Klaus Eberhartinger (und Guido Kunde, Ariola, für die Vermittlung).
Tom Noga, Höspiel- und Featureautor hat das Interview geschnitten und ver-filed. Außerdem hatte er für eine Reportage über die Klippenspringer mit Eligio "Cuadrito" Álvarez über sein "erstes Mal in Acapulco" gesprochen. Wie's war: siehe unten. Kuss dafür an Tom.

Last but not least verneigen wir uns jedoch an dieser Stelle vor Beryl Janssen, die als Art-Direktorin fürs Gesamt-Erscheinungsbild verantwortlich ist. Wir finden, dass Beryl die Idee eines Männer+Frauen-Magazins fantastisch umgesetzt hat und hoffen nun, dass es Euch Spaß macht!

Eure,
Flora Jörgens und Silke Vogten

Das erste Mal

 

Foto: Flora Jörgens

Cuadrito:
»Es algo que nunca se olvida. Es como la novia, nunca se olvida la primera novia. Y así nosotros nunca olvidamos la primera vez, lo tiene ciento por cientos presente porque sientes a la vez mucho gusto, mucha alegría que te vas a tirar de arriba, y a la vez mucho miedo al ver la altura me dio pasado.«

»Das ist etwas, was du nie vergisst. Wie die erste Freundin, die vergisst du auch nie. Den ersten Sprung hat man immer hundert Prozent vor Augen. Diese Freude, dass du endlich von ganz oben springst, und gleichzeitig die Angst angesichts der Höhe.«

Das erste Mal

 

»Mit 15 - nee, da war ich noch 14½ - war ich eingeladen bei nem Freund in Frankreich und das Interesse am weiblichen Geschlecht war schon ziemlich wach, sehr wach, muss ich sagen. Und das war eine Französin und die hat ausgeschaut wie die jüngere aber ganz hübsche Schwester von Nana Mouskouri, also mit diesen Brillen auch. Hat so a griech-isches Gesicht gehabt, so dunkle Haare, und ich hab mich da komplett verliebt in dieses Mädel. Sie sich auch in mich - und noch dazu im Ausland! Alles hat geglizert. Es war herrlich. Und man will in dem Alter eigentlich ja hauptsächlich - das Eine (lacht). Man verliebt sich schon! Aber hauptsächlich will man dem Mädel an die Wäsche. Das ist einfach hormonell bedingt. Da kann man gar nix machen.
Und da - wir haben uns da niedergeschmust bis zum Lippenkarzinom; eine organische Überanstrengung. Das war herrlich. Und da ham's gespielt Procol Harum "A Whiter Shade of Pale". Das ist da in der Nähe gelaufen. Da war so a Disco und wir haben uns da weggeschlichen, weil dann auch sie übermannt wurde von der Natur, sprich: von mir. Und wir haben uns da in einen nahegelegenen Park... und dieses Procol Harum ist da gerannt... und der DJ muss da geliebt haben, der hat das alle zehn Minuten aufgelegt.
Und wir haben uns aneinander gerieben, dass die Funken flogen. Und das war das erste Mädchen, das dann mir an die Wäsche ging!
Und das war - da war ich wirklich so, als ob du so beim Kaschperl so hinten das Schnürl ziehst und da gehen die Arme und die Beine in die Höhe und da bist du hilflos.«

Klaus Eberhartinger

Klaus Eberhartinger ist seit 1981 Sänger von EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung). Die Erzählung ist entnommen einem Interview für WDR 4. Mit freundlicher Genehmigung von Klaus Eberhartinger.

Das erste Mal

 

Lizzy's Appartment lag in einem Altbau in der Herzogstraße. Ich klingelte, wartete auf das Summen des Türöffners und stieg die Treppen nach oben. Als ich in ihrem Stockwerk ankam, musste ich mir wieder mal eingestehen, dass ich diese welt nie verstehen würde. Lizzy stand an der Türschwelle, bekleidet mit einem Spaghettiträger-Top und einem balinesischen Wickelrock, von dem mir lange Elefantenrüssel entgegentröteten. Ich wollt mich gerade an ihr vorbei in die Wohnung drücken, da griff sie nach meinem Kopf und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen, der nach Pizza und Rotwein schmeckte. Aus ihrem Appartment drang eine euroasiatische Chill-out-Musik mit Tablas, Sitars und einem Sänger, der nach Eunuch MC klang. Lizzy grabschte meine Hand und zog mich in ein Zimmer, in dem zwischen Wandteppichen und Gemälden von Frauen mit wulstigen, kubistischen Vaginas ein riedengroßes Bett auf einem Edelstahlgestell ruhte. Es war ein Bett, in dem ein Mann, sofern es sich bei ihm nicht um einen gottverdammten Zyniker handelte, vielleicht sogar glücklich werden konnte.
Lizzy holte mit schlingerndem Schritt Wein aus der Küche. Auf dem Boden neben dem Bett sah ich den Grund für ihre veränderte Balance: eine bereits leergetrunkene Flasche Rioja. Ich setzte mich aufs Bett und sog die Nachtluft ein, die den Geruch von Ginster, brutzelndem Knoblauch und Gyroskeulen durchs offene Fenster wehte. Lizzy kam mit einer neuen Flasche Wein und zwei Gläsern zurück, setzte sich neben mich und gab mir einen Kuss aufs Ohr.
»Das ist ja alles recht schön«, sagte ich, »aber woher der plötzliche Wandel?«
Lizzy warf ihren Kopf in den Nacken. »Ich hab beschlossen, mein Leben von nun an zu genießen«, sagte sie und goss uns ein. »Wenn der Feigling glaubt, dass ich ihm hinterhertrauere, wird er sich umschauen!«
Sie stürzte den Wein hinunter, umfasste meine Schultern und küsste mich wieder.
»Augenblicklich«, sagte ich und entwand mich ihren Armen. »Warum habt ihr euch denn eigentlich getrennt?« Lizzy stöhnte auf.
»Muss ich da jetzt drüber reden? Es ist dir doch ohnehin egal, warum.«
»Im Gegenteil, es interessiert mich brennend.«
»Also gut... Du hast Recht gehabt, er tickt einfach nicht ganz richtig! Vier Jahre lang waren wir zusammen, und er hat sich bis zum Schluss quergestellt, dass ich in sein Haus nach Solln ziehe. Ich fühle mich einfach verarscht! Nach vier Jahren muss man wissen, was man will.«
»Verstehe«, sagte ich.
»Außerdem – und das hat mich noch mehr gekränkt – war es für ihn undenkbar, Kinder mit mir zu haben! Dabei hab ich tausendmal gesagt, dass eine Schwangerschaft durchaus Zeit hat! Nämlich so lange, bis ich mit der Promotion fertig bin! Mit seiner Exfreundin dagegen hat er ein Kind, und es macht mich einfach rasend, dass er von mir keines will.«
Lizzy forschte in meinen Zügen, wie diese Anklage auf mich wirken würde. Ich blickte betreten in meinen Wein.
»Verstehe.«
»Frauen haben nun mal den Wunsch, ihr Leben in sichere Bahnen zu lenken, das ist doch ganz klar! Aber jedesmal, wenn ich das Thema mit ihm diskutieren wollte, hat er sich zu seinen Freunden in eine Bar verdrückt. Kannst du dir das vorstellen? Du hast damals mit deinen Vermutungen direkt ins Schwarze getroffen: Er war gebeutelt von depressiven Anfällen, bei denen er an allem zweifelte und ununterbrochen davon quatschte, seine Firma aufzugeben und in Australien ein neues Leben anzufangen. Er hat sich am Schluss einfach als völlig unreifer, infantiler Charakter entpuppt, für den Verantwortungtragen ein Fremdwort war.«
Ich nippte an meinem Glas und setzte Lizzis Äußerungen zu einem Puzzle dieses Mannes zusammen. Verblüfft musste ich zugebn, dass er einem anderen Mann, der gerade an einem Weinglas nippte, täuschend ähnlich sah.
»Ein übler Bursche, ohne Zweifel«, nickte ich. »Ich hab's dir ja gesagt. Doch, Gottseidank, gibt's auch andere auf der Welt.«
»Das habe ich mir ebenfalls gedacht, und deshalb ist Schluss zwischen ihm und mir«, sagte Lizzy, legte ihre Hand wie eine Schraubzwinge um mein Kinn und drückte mir erneut einen Kuss auf den Mund.
»Ich weiß nicht«, flüsterte ich. »Irgendwie geht mir das jetzt fast ein bißchen zu schnell.«
»Sei still, Dummerchen«, sagte Lizzy, »und hol dir endlich, was du willst.«

Um neun Uhr morgens schälte ich mich aus der Bettdecke. Aus den Geräuschen schloss ich, dass Lizzy sich gerade duschte. In der Küche sprotzte eine Kaffeemaschine, ein Nachbar im oberen Stockwerk arbeitete sich mit Belcantostimme durch verschiedene Dur-Tonleitern hindurch. Ich setzte mich auf und versuchte, mir die vergangene Nacht ins Gedächtnis zu rufen. Die Nacht war sexuell leider nicht ganz so verlaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Vermutlich auch nicht so, wie Lizzy sich das vergestellt hatte. Aber bei dieser Frage musste man einem strengen, Berkeley'schen Subjektivismus den Vorrang geben.
Berieselt vom Geräusch des prasselnden Wassers und des Belcanto-Gesangs suchte ich in Lizzys Zimmer nach einer geeigneten Morgenlektüre, um etwas im Bett zu schmökern. Auf ihrem Schreibtisch lag ein abgegriffenes, in Schweinsleder gebundenes Buch mit einer Signatur der Bayerischen Staatsbibliothek, das Lizzy wohl zum Abfassen ihrer Doktorarbeit ausgeliehen hatte. »Festkultur des Barock« las ich auf dem Einband - »Glanz und Elend einer Epoche«. Ich ließ mich in die Kissen zurückfallen und blätterte die Seiten durch.
Schon nach den ersten Leseproben war ich baff. Selbst ein Laie, der sich für barocke Festkultur nur am Rande interessierte, musste zugeben: Dieses Buch hatte ein Mann verfasst, der als Stilist seinesgleichen suchte. Es handelte sich um einen dieser brillanten Universalgelehrten, die sprachliche Wucht mit genauester Stoffkenntnis verbanden und heute als Art fast ausgestorben waren.
Lizzy kam kurz ins Zimmer und benahm sich auch nach der Dusche so sonderbar wie eine halbe Stunde zuvor, als sie sich nach dem Aufwachen auf den Boden gekniet und mit inbrünstigen, bizarren Gesten den ersten Sonnenstrahlen entgegengebetet hatte. Lizzy suchte Kleidung aus dem Schrank und verließ das Zimmer, ohne Andautungen auf ein Frühstück zu machen. Ich vertiefte mich aufs Neue in das Buch. Jede Seite überraschte mich mit verblüffenden Ausführungen: Wer wusste schon, welche schrillen Blüten das Hofzeremoniell in den deutschen Fürstentümern trieb, wer hatte Kenntnis von den stundenlangen Singspielen am französischen Hof! Besonders eine Passage war es jedoch, die mir nicht mehr aus dem Gedächtnis gehen wollte: Der Satz, den Kaiser Karl V. im La-Granja-Garten geseufzt haben soll, als man ihm nach Monaten endlich den Luxusspringbrunnen der Göttin Diana enthüllte, den er in Auftrag gegeben hatte: »Drei Millionen hat es mich gekostet, und drei Minuten hat es mich unterhalten.«

Stefan Wimmer

Stefa Wimmer ist Journalist und Schriftsteller.
Dieser Text ist entnommen seinem Buch »Die 120 Tage von Tulúm«.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des »Eichborn-Verlags«.

Das erste Mal

 

Foto: Flora Jörgens

Cuadrito:
»Los compañeros me animaron. ¡Tírate Cuadrito, mira que se siente bonito, es algo especial, mira la gente, te va ver, eres muy chico, vas a ver la sensción, va a ver la estrella! Tenía 14 y me veían que tenía las cualidades para hacerlo. Entonces, me entró un escalo frio en todo el cuerpo, se me puso chinito, no sé si de miedo o de alegria. Y cuando salí en el aire, un segundo y media, casi dos segundos, a mi se me hizo eterno. Apretó todo mi cuerpo cuando entró en el agua. Salí con una alegría que habia togrado la cima.«

»Meine Kumpel haben mich ermutigt: »Spring, Cuadrito, das ist ein schönes Gefühl vor allen den Leuten hier! Du bist so jung, das ist der Knüller, du wirst zum Star!« Ich war vierzehn und alle sagten mir, dass ich es drauf habe. Ich bekam Gänsehaut, die Kälte zog durch den ganzen Körper, keine Ahnung, ob vor Angst oder Freude. Die anderthalb oder zwei Sekunden in der Luft kamen mir vor wie eine Ewigkeit. Ich spannte meinen Körper an, tauchte ins Wasser ein. Und als ich wieder hochkam, war ich beschwingt, als hätte ich einen Gipfel erklommen.«